Wipra - Die Interviewgruppe

Lena R., Isabelle, Betti, Karen, Tanja, Rebekka, Mirjam, Lena H., Iren

  •     Titel: Zwei Seiten derselben Medaille? Empirische Überlappungen zwischen Persönlichkeitseigenschaften               und Assessment Center Anforderungsdimensionen
  •      Autor:  Höft, Stefan; Bolz, Christian
  •      Jahr:    2004
  • Quelle: Zeitschrift für Personalpsychologie, 3 (1), 6-23 Hogrefe-Verlag, Göttingen 2004
  • Abstract:                   Die zunehmende Professionalisierung von Eignungsdiagnosen führt dazu, dass die Inhalte ganz unterschiedlicher Verfahrensansätze bei der Entscheidungsfindung miteinander verknüpft werden müssen. Bisher fehlen hierzu in vielen Bereichen schlüssige Konzepte. In der vorliegenden Untersuchung werden die Überschneidungen zwischen eigenschafts- und simulationsorientierten Diagnostika untersucht (Allgemeine Intelligenz, Big Five vs. Anforderungsdimensionen eines Assessment Centers). Hierfür wird zunächst die widersprüchlich erscheinende metaanalytische Befundlage aufgearbeitet. In einer Vorstudie mit Daten von 533 Nachwuchsflugzeugführer-Bewerbern zeigt sich, dass bei dem eingesetzten Persönlichkeitsverfahren (NEO-PI-R) in der vorliegenden Personalauswahlsituation nur eine kleine Anzahl von Big5-Facetten und bestimmte Items verzerrt beantwortet werden. In der Hauptstudie wird anhand der Daten von 128 AC-Absolventen der Zusammenhang zwischen Eigenschaften und Anforderungen auf unterschiedlichen Ebenen (Allgemeine Intelligenz und Big5-Dimensionen und -Facetten vs. verfahrensspezifische Urteile, verfahrensübergreifende Anforderungsurteile, AC-Gesamturteil) überprüft. Allgemeine Intelligenz zeigt einen generell positiven Zusammenhang mit fast allen AC-Variablen inklusive des Gesamturteils. Die Big5-Eigenschaften weisen hingegen speziell auf der Facettenebene erwartungskonform spezifische Beziehungen zu ausgewählten Anforderungen auf. Generell ergeben sich aber deutlich weniger Zusammenhänge als erwartet. Die Konsequenzen für die diagnostische Praxis werden kritisch diskutiert.

Forschungsfrage:    Wie lassen sich die die unterschiedlich gestalteten Ansätze bei einer Integration von Persönlichkeitsverfahren in Assessment Center systematisch miteinander verknüpfen?

Hypothese:                Allgemeine Intelligenz ist generell ein starker Prädiktor für die AC-Leistung. Zusätzlich überschneiden sich ausgewählte Big5-Eigenschaften und simulationsorientierte Konstrukte hinsichtlich der von ihnen implizierten Verhaltensweisen.

Methode:                   Analysegrundlage ist eine Bewerberstichprobe, die sich zwischen Januar und Juni 2002 dem Auswahlverfahren für Nachwuchsflugzeugführer des deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR), Abteilung Luft- und Raumfahrtpsychologie unterzogen hat. Auftraggeber waren die Flugbetriebe der Deutschen Lufthansa AG (DLH).

                                    Das DLR- Auswahlverfahren ist sequenziell aufgebaut. In der ersten Auswahlstufe (BU-Phase) werden kognitive Basisfähigkeiten zusammen mit anforderungsrelevanten Wissenstests, einem luftfahrtspezifisch konstruierten Persönlichkeitsverfahren und luftfahrtbezogenen Psychomotorik- und Mehrfacharbeitstests durchgeführt. Die Testung erfolgt computergestützt in Gruppen mit bis zu 36 Probanden. Schwächen in der ersten Auswahlstufe führen zum Ausschluss. In der zweiten Auswahlstufe, der Firmenqualifikation wird das Assessment Center am ersten Tag  durchgeführt, am zweiten Tag werden Einzeltestungen durchgeführt.

    Eingesetze Verfahren:

                                    Der Neo-PI-R von Costa und McCrae (1992) in der deutschen Version von Ostendorf und Angleitner wird als Persönlichkeitsverfahren eingesetzt.

                                    Zur Erfassung der Intelligenz wurden sechs DLR-Testverfahren der BU-Phase ausgewählt, die während des Erhebungszeitraums ohne Unterbrechung eingesetzt wurden und einen guten Querschnitt zu intelligenzbezogenen Inhalten repräsentieren: ein Test zum technischen Verständnis, ein Englischtest, ein rechnerischer Fähigkeitstest, ein akustischer Mehrfähigkeitstest, ein optischer Wahrnehmungstest, sowie ein Test zum räumlichen Vorstellungsvermögen.

                                    Das Assessment Center wird mit maximal zehn Bewerbern gleichzeitig durchgeführt und besteht aus drei interaktiven Verfahren: einem Rollenspiel, einer planungsorientierten und einer konfliktorientierten Gruppendiskussion mit jeweils 3-5 Diskussionsteilnehmern.  

Stichprobe:               Das NEO-PI-R-Verfahren wurde von Januar bis April 2002 in der ersten Auswahlstufe der DLR-Testbatterie eingesetzt. Insgesamt bearbeiteten 533 Bewerber das Verfahren. 433 waren Männer und 100 Frauen, das durchschnittliche Alter betrug 20,75 Jahre.

                                    128 Bewerber wurden zur zweiten Auswahlstufe eingeladen, nur von ihnen liegen Assessment-Center- Daten vor. Es waren 115 Männer und 13 Frauen, das durchschnittliche Alter betrug 20,01 Jahre.

Design:                      Querschnittstudie

Operationalisierung:Vorstudie: Konstruktvalidität des NEO-PI-R in einer Personalauswahlsituation.

Erfolgt auf drei Wegen: 1. Überprüfung, ob sich eine Fünf-Faktoren-Struktur mit einem entsprechenden Ladungsmuster ergibt, über eine explorative Faktorenanalyse zu den Facettenwerten. 2. Kontrolle über eine orthogonale Procrutes-Zielrotation, ob die Ladungsstruktur der Bewerberstichprobe in Deckung gebracht werden kann mit der entsprechenden Struktur der Normstichprobe des NEO-PI-R, sowie einer männlichen Studentenstichprobe, die das Verfahren unter Normalbedingungen bearbeitete. 3. Interne Konsistenzen sowie Dimensionsinterkorrelationen.

                                    Hauptstudie: Assessment Center-bezogene Zusammenhänge.

Zuerst wurden spezifische Zusammenhangshypothesen aufgestellt. Bei der Allgemeinen Intelligenz wurden generell positive Zusammenhänge mit allen AC-Urteilen auf unterschiedlichen Ebenen erwartet. Bei den Big5-bezogenen Einzelhypothesen beurteilten die Autoren zunächst getrennt voneinander den möglichen linearen Zusammenhang zwischen den fünf NEO-Dimensionen und 30 NEO-Facetten einerseits und den sieben AC-Dimensionen, den Merkmalsbereichen und dem AC-Gesamturteil andererseits. So wurden 350 Urteile zu Einzelzusammenhängen getroffen. In der Mehrzahl wurde die Hypothese „Kein Zusammenhang“ gewählt. Auf Facettenebene wurden am ehesten Zusammenhänge mit Neurotizismus (negative) erwartet, gefolgt von Verträglichkeit (unterschiedliche Polung), Extraversion (positiv), sowie Offenheit und Gewissenhaftigkeit (gemischte Polung)

Ergebnisse:               Vorstudie:

Die Konstruktvalidität des NEO-PI-R kann in der vorliegenden Bewerbungssituation als gut bezeichnet werden. 1. Die explorative Faktorenanalyse hat gezeigt, dass die typische Big5-Struktur auch in der vorliegenden Stichprobe nachgewiesen werden kann.2. die Zielrotation belegt, dass generell das üblicherweise zu findende Ladungsmuster repliziert wird.3. Die Detailanalysen zur facettenspezifischen Kongruenz zeigen für einige Facetten deutlich schlechtere Anpassungen ( Erlebnishunger, Geselligkeit, Offenheit für Gefühle, Offenheit des Normen- und Wertesystems). Die Bewerbungssituation scheint zu einem generell geänderten Antwortverhalten bei diesen Skalen geführt zu haben. Bei der Analyse der internen Konsistenzen fiel für eine Reihe von Facetten in der Bewerberstichprobe deutlich schlechter aus. Ursache hierfür waren möglicherweise Boden-bzw. Deckeneffekte bei einigen ausgewählten Items. Die gefundenen Verzerrungen lassen sich am ehesten im Sinne eines aktiven „Impression Management“ erklären

                                    Hauptstudie:

                                    Allgemeine Intelligenz zeigt durchweg positive Zusammenhänge mit fast allen AC-Urteilen, inklusive dem Gesamturteil. Schwächer sind nur die Zusammenhänge mit den AC-Einzeldimensionen Engagement und Belastbarkeit sowie mit dem Gesamtergebnis einer Gruppendiskussion.

                                    Für die Big5-Dimensionen ergeben sich spezifische Beziehungen zu ausgewählten AC-Anforderungen besonders Engagement), weniger zum Gesamturteil. Bei den Big5-Facetten bestätigt sich dies. Es ergeben sich nur relativ geringe Zusammenhänge mit OAR ( am ehesten mit Neurotizismus- und Extraversionsaspekten). Es treten spezifische Zusammenhänge mit speziellen Anforderungen auf. Deutlich negative Zusammenhänge zeigen unterschiedliche Neurotizismusfacetten besonders mit den AC-Anforderungsdimensionen Konfliktbewältigung und Engagement. Die Extraversionsfacette hängt mit diesen Anforderungen positiv zusammen. Mehrere Gewissenhaftigkeitsfacetten zeigen positive Zusammenhänge mit Engagement. Negative Zusammenhänge einiger Offenheitsfacetten speziell mit der AC-Anforderungsdimension Empathie fallen auf, wohingegen die Verträglichkeitsfacetten eher unauffällig.

 

 

 

OAR

AI

.27**

N

-.21

E

.12

O

-.15

A

.05

C

.08

Kennziffern:              Zusammenhang zwischen Allgeimeiner Intelligenz und den Big5-Dimensionen mit OAR           

 

                       

 

 

 

 

Statistisches Verfahren:     Faktorenanalyse, Rangkorrelation

Diskussion/Interpretation:  Durch Renaissance von Persönlichkeitsverfahren in der Eignungsdiagnostik wird die Forderung laut, diese im Sinne einer multimethodalen Diagnostik mit den bestehenden Verfahrensansätzen zu verknüpfen und die diagnostische Entscheidung auf eine kombinierte Informationsbasis zu stützen. Hierfür gibt es nur eine geringe empirische Grundlage. In der vorliegenden Studie wurde die Überlappung eigenschafts- und simulationsorientierter Persönlichkeitsdiagnostik anhand einer konkreten Studie systematisch untersucht. Die Ergebnisse der Vorstudie sprechen dafür, dass mit dem eingesetzten NEO-PI-R weiterhin eine valide Big5- Erfassung möglich ist. Einige Facetten wurden aufgrund der Erhebungssituation verzerrt beantwortet. Bei einigen dieser Facetten stellt sich die generelle Frage, ob sie beruflich relevant sind und ob sie überhaupt in der Eignungsdiagnostik berücksichtigt werden sollen.

In der Hauptstudie, welche die Zusammenhänge zwischen Eigenschaftsdiagnostik und Simulationsdiagnostik thematisierte, konnte die bekannte Prognosekraft der Allgemeinen Intelligenz bestätigt werden. Bei den Big5- Dimensionen zeigte nur Neurotizismus einen substantiellen Zusammenhang mit der OAR. Die Analyse der Big5-Facettenebene offenbarte erwartungskonforme spezifische Beziehungen.

Generell wurde aber deutlich mehr Zusammenhänge hypothetisiert als letztlich eingetreten sind. Die Konstruktvalidität der Offenheitsskalen ist für die Personalauswahl fraglich. Zum anderen gehören einige Offenheitsfacetten nicht in das berufliche Anforderungsprofil für Nachwuchsflugzeugführer.

Mit aller Vorsicht kann bei Berücksichtigung der Einzelergebnisse die Grundaussage der Metaanalyse bestätigt werden: neben allgemeiner Intelligenz spielen am ehesten Neurotizismus, Extraversion und zusätzlich Gewissenhaftigkeit eine Rolle für das AC-Abscheiden. Offenheit und Verträglichkeit sollten eher unberücksichtigt bleiben.

Auf der AC-Seite müssen das jeweils vorliegende Anforderungsprofil sowie die eingesetzten Verfahren für jeden Einzelfall überprüft werden. Mit dem  NEO-PI-R liegt ein Persönlichkeitsverfahren mit einer sorgfältig ausgearbeitenden Facettenebene vor.

Zukunftsfragen:                   Die Studie hat gezeigt, dass Zusammenhangshypothesen häufig zu optimistisch aufgestellt werden, nur eine empirische Analyse würde Gewissheit geben. Dies ist ein Anspruch, der in der Praxis kaum umsetzbar ist.

                                               Wie kann alternativ eine vielfältige Diagnostik mit einem kombinierten eigenschafts- und simulationsorientierten Methodeneinsatz umgesetzt werden?

                                               1. Eigenschaftsmessung und Anforderungserhebung angleichen, indem in beiden Verfahrensansätzen gleiche Konstrukte erfasst werden.

                                               2. Den angestrebten Selbst-Fremd-Vergleich auf einen Verfahrensansatz beschränken. Die Fremdurteiler beantworten dann dasselbe Itemmaterial wie die Zielperson, oder die Zielperson gibt Selbsteinschätzungen zu den AC-Anforderungsdimensionen ab.

                                               3. Auf eine inhaltliche Verknüpfung zwischen den Verfahrensansätzen verzichten. Die eigenschafts- und die simulationsorientierten Informationen werden getrennt voneinander bewertet und dienen als unabhängige Diagnoseinstanzen. Erst bei einer kriteriumsbezogenen Validierung mit einem breiten Kanon von Leistungsbeurteilungskriterien wird überprüft, ob sich die Verfahren ergänzen und inkrementelle Validität aufweisen. Damit verabschiedet man sich aber von der Grundidee multimodaler Diagnostik

 

 



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